RSS-Feed Spielfeld für Finanztrickser          

Detailansicht



06.10.2011 15:16 Alter: 6 yrs

Spielfeld für Finanztrickser

Kategorie: Göttinger Gruppe, Handelsblatt
Von: von Reiner Reichel : Handelsblatt.com

Langweilig war der graue Kapitalmarkt nie. Im Gegenteil: Anbieter trieben es dort oft besonders bunt. Trickser wie die Göttinger Gruppe zockten mit Diamanten- oder Zucker-Kontrakten gleich reihenweise ihre Kunden ab.

DüsseldorfHohe Renditen und Steuerersparnisse lockten, von Risiken war selten die Rede: Mit Fantasie-Zertifikaten (Letters), fast wertlosen Diamanten, Minen-Beteiligungen, geschlossenen Fonds oder Warenterminmärkten wurde Investoren am grauen Kapitalmarkt das Geld abgeluchst.

Da war etwa Damara Bertges vom European Kings Club. Sie zog in den 90er-Jahren 40.000 Menschen insgesamt 850 Millionen D-Mark aus der Tasche und versprach ihnen 70 Prozent Rendite. Als einer fragte, wo die herkommen sollen, antwortete sie: "Gehen Sie einfach davon aus, dass wir das können - zu unserem und Ihrem Vorteil." Das Geld ging in einem Schneeballsystem verloren. Das heißt: Bertges und Gehilfen kassierten in die eigene Tasche und zweigten lediglich einen Teil ab, um die Gewinnansprüche der ersten Anleger zu befriedigen. Der Zusammenbruch eines solchen Systems ist vorprogrammiert, weil es irgendwann nicht mehr gelingt, genügend Neuanleger zu finden.

Zur gleichen Zeit blühte gerade der Terminhandel. Vermittler wählten sich durch ganze Telefonbücher: "Kaufen Sie Zucker-Kontrakte. Wir wissen aus sicherer Quelle, dass China eine Schluckimpfung vorbereitet; dafür werden Tausende Tonnen Zucker zusätzlich gebraucht", lockten sie ihre Kunden. Später hieß es zynisch: "Ihr Geld ist nicht weg, es hat nur ein anderer." Alleine die Firma WBB aus Düsseldorf schaffte es, Anlegern sechs Milliarden D-Mark abzunehmen", berichtet Anwältin Katja Fohrer von der Kanzlei Mattil & Kollegen in München. Der Spuk endete, als 1998 die Vermittlung von Warentermingeschäften der Finanzaufsicht unterstellt wurde.

Die Flucht in Sachwerte gab es auch schon vor 20 Jahren. Besonders Dreiste verführten damals naive Zeitgenossen zum Kauf von in Plastikfolie eingeschweißten Diamanten. Sie versprachen die Rücknahme zu deutlich höheren Preisen. Doch Bargeld gab es bei der Rückgabe nicht, sondern einen größeren Stein - vorausgesetzt, die Verpackung wurde nicht aufgerissen. Die Preziosen entpuppten sich später als minderwertig.

Betrügereien mit geschlossenen Fonds

Auch stille Beteiligungen waren beliebt. Sie ähneln Gesellschafterdarlehen. Dabei werden vom Gewinn abhängige Zinsen gezahlt. Für Trickser am Grauen Kapitalmarkt wie die Göttinger Gruppe war eine spezielle Variante der stillen Beteiligung besonders interessant: die sogenannte atypische stille Beteiligung, die Anleger auch am Verlust beteiligt. Seit 2007 ist die Göttinger Gruppe insolvent und wird als einer der größten Anlageskandale in die deutsche Geschichte eingehen. Mehr als eine Milliarde Euro sollen in das Schneeballsystem geflossen sein. Der Insolvenzverwalter fordert Ausschüttungen zurück.

Auch geschlossene Fonds waren für manchen Betrug gut. Jahrelang galten sie als Altersvorsorge und Steuersparmodell zugleich. Dazu gehören die Immobilienfonds der 90er-Jahre, die Sonderabschreibungen in den neuen Bundesländern nutzten, Schiffsfonds oder ein paar Jahre später Filmfonds: Der Zeichner bekam im Jahr des Gesellschaftsbeitritts steuermindernde Verluste zugewiesen. Dumm nur, dass viele Fonds nie die Gewinnzone erreichten.

Immobilienfondsanleger etwa setzten über die Jahre Milliarden in den Sand, weil die Fondsanbieter Mieterhöhungen einplanten, die sich nie realisieren ließen. Zu den spektakulärsten Immobilienfonds-Pleiten der vergangenen Jahre zählt die der Falk-Gruppe im Jahr 2005. Die Manager wurden zwar wegen Untreue verurteilt. Aber weil die Gesellschaften, die Falk-Fonds auflegten, heute pleite sind, ist für Anleger kaum etwas zu holen.

Im vergangenen Jahr wurde eine Bank zu Schadensersatz verpflichtet, da sie Vermittlungsprovisionen von der DG-Bank für einen 1994 aufgelegten Immobilienfonds verschwiegen hatte. So viel Glück ist allerdings nicht häufig. "Bei betrügerischen Kapitalanlagen ist die Chance, Geld zurückzubekommen, gering. In vielen Fällen hilft auch ein gewonnener Schadensersatzprozess nicht", sagt Anlegeranwalt Hauke Maack.


Seite drucken
Copyright © 2017 Hauke Maack, Königswall 28, 45657 Recklinghausen, 02361 92550
alle Angaben ohne Gewähr.
Evtl. Änderungen, die nach dem Tage der Veröffentlichung eintreten, sind nicht berücksichtigt. Datenschutzerklärung